Wir leben heute im Zeitalter des Knipsens. Millionen von Bildern werden täglich gemacht – die allermeisten von Laien und entsprechend laienhaft. Photographiert (oder besser fotografiert) wird, was das Leben eben so bietet. Der Schnappschuß, um nicht zu sagen:
der Combat-Schuß aus der Hüfte des Auges als das Nonplusultra. Das Ergebnis liegt in Myriaden von privaten Fotoalben, uniform in der Vielfalt, blaß in der buntesten Farbigkeit. Was daran Perfektion, ist meist der Automatik der Kamera geschuldet. Alles was einmal Bildaufbau war, geduldiges Arrangieren der Details, raffinierte Führung des Lichts – das ist in 99,99 Prozent der Fälle längst obsolet geworden. Gemessen an der heute gängigen Praxis knüpft Matthias Leupold an die heroische Frühzeit der Photographie an, als sich diese schwarze, schwarz-weiße Kunst unmittelbar aus der Malerei entwickelte, als das Filmmaterial noch nicht von der Spule rollte, jede Einstellung ihr Arrangement und ihre Zeit brauchte und der handwerkliche Standard unabdingbar war.
Matthias Leupold hat schon als Junge – er ist Sohn eines Filmausstatters bei der DEFA, erlebt, wie optische Wirklichkeit inszeniert wird, wie nichts dem Zufall überlassen wird. Dies würden andere Photographen von Profession teilweise wahrscheinlich auch für sich geltend machen (man denke nur an den mondän-frivolen Helmut Newton oder an Jeanloup Sieff). Was jedoch Leupold Methode geworden ist und ihn von seinen Kollegen unterscheidet, ist, daß er Fertigware, Bildwelten der Jahrhundertwende, aus der "Gartenlaube", oder fünfzig Jahre später, aus einer Kunstausstellung der DDR oder nun bei seinem jüngsten Projekt "Die Schönheit der Frauen", aus einer alten Sammlung von Akt-Studien zur Vorlage nimmt und sie nachstellt. Man könnte auch sagen – ihnen nachstellt wie der Jäger dem Wild. Durch den Versuch, das alte Material auf seine Weise, mit sorgfältig ausgewählten Modellen, in kalkuliertem Ambiente zu reproduzieren, will er dem Geheimnis dieser Bilder auf die Spur zu kommen.
Matthias Leupold ist als Künstlertypus alles andere als ein Zampano. Der Blow-up-Heros, vor dessen heißer Linse sich die Models in Ekstase winden, ist sein Fall nicht. Er ist ein Ironiker der Kamera, der seine Effekte oft aus dem Kontrast von Bild und Bild-Legende erzielt. Oder er baut, fast wie Brecht, Verfremdungseffekte in das Bild selber ein. Wenn seine "verlassene Jungfrau, deren nackter Leib einer griechischen Königstochter nicht unwürdig gewesen wäre", von "wilder Verzweiflung" am "öden Felsufer" "zu Boden geschmettert" wurde - und man sieht das Mädel dann mit hoher Kruppe auf einem Flokati-Hirtenteppich knien, dem Billigteppich der 70er Jahre, dann ist die Komik unübersehbar. Leupold parodiert auch das Muckertum unemanzipierter Zeiten, das immer die Klassik, den antiken Mythos als durchsichtigen Vorwand gebraucht, um Nuditäten ins Bild zu setzen. Die kauernde Nackte hatte so eine Ariadne zu sein. Die Liegende, die dramatisch die Arme in die Luft reckte und den Eindruck "zu dramatischem Effekt" steigerte, war natürlich die von Aneas verlassene Dido. Die gutgebaute Brünette, die die Hände keusch vor die Scham hält, war schließlich "Kypris" oder eine "freie Nachbildung der mediceischen Venus".Die Geschichte der Akt-Photographie in unserem Jahrhundert läuft, wenn ich recht sehe, darauf hinaus, daß sie sich von dem allegorischen Ballast befreit ("Resignation", "Empor") und die begriffliche Bemäntelung, die faselnde Erklärung abwirft ("Durch die große Linie des gestreckten Armes und der Hüfte erhält die Figur etwas Heroenhaftes").
Musil sagte einst, Kunst blättere den Kitsch vom Leben. Bei Leupold zeigt sich, daß seine Photographie den Kitsch von der Kunst blättert, und was in Pose erstarrt war, wird als doppelte Negation erneut zum "lebenden Bild" – im wahrsten und belebendsten Wortsinn.
Quelle: Schönheit der Frauen – Photographische Freilichtstudien Connewitzer Verlagsbuchhandlung Leipzig, 1995
